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Moshi bis Arusha
16. - 28.11.2009

Welch Erholung in Moshi! Nicht nur, dass uns Calisti und seine Frau Virginia ein Zuhaue auf Zeit bieten. Nein, damit verbunden ist auch die Möglichkeit, sich mal wieder als Mensch zu fühlen, nicht primär als reicher Sack. Und das ist schön.

Virginia stellt sich uns als „Mama Virginia“ vor. Hier ist „Mama“ so etwa wie ein Ehrentitel, ebenso wie „alter Mann“ („mzee“). Ich versuche es also mal als Ehre zu sehen, wenn Kinder mich als „Mama“ ansprechen (Tobi übrigens auch als „Baba“), wobei mir „Dada“, Schwester ja doch lieber ist. Wir stellen fest, dass das Gewinde meiner Hinterradachse kaputt ist und das Rad lose. Mein Fahrrad, das sich so lange so gut gehalten hat, baut ab! Leider kann es der sehr motivierte Mechaniker nicht reparieren, tauscht aber immerhin die Kugeln aus dem Kugellager aus - das hilft zwar nicht, Tobi wollte aber schon immer mal wissen, wie das geht. Zum Glück kommen bald Micha und Tine und können uns hoffentlich ein Ersatzteil mitbringen. Eher gesagt ein weiteres auf einer schon recht langen Liste.

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Familienfoto, Kili zum zweiten, Fahrt nach Moshi

Schließlich entscheiden wir uns, gemeinsam mit unserer Gastfamilie im Auto nach Reha zu fahren, von dort aus aber unsere Reise mit dem Rad um den Kilimandscharo fortzusetzen. Tobis Sitzfläche scheint sich schnell zu erholen und wir haben Lust auf Radfahren abseits der Hauptstraßen. Also brechen wir samstags auf.

Übrigens, wenn wir ein Buch schreiben, dann haben wir in Anlehnung an all die Wortspielereien anderer („Durchgedreht“, „Abgefahren“, „Beinhart“ etc. pp.) auch schon einen Titel: „Arschkrank. Mit Pickel am Po durch Mexiko.“ Nur die Route müssten wir geringfügig erweitern.

In Reha begrüßen uns Arzt, Schwester und Hebamme an der Krankenstation. Jeden Tag werden hier Menschen behandelt, die ansonsten über holprige Straßen fünf Kilometer zum nächsten Arzt zurück legen müssten - ohne Auto versteht sich. In der Regenzeit ist dies oft unmöglich. Ein großes Augenmerk legen die Angestellten auf die Beratung zu Gesundheitsfragen - Vorsorge, damit die Menschen den Arzt nicht so häufig aufsuchen müssen. Schwangere und junge Mütter bilden einen Großteil der Patienten - ihnen ist es aus gesundheitlichen wie finanziellen Gründen häufig unmöglich zu reisen.

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Krankenhaus und Arzt

Die Probleme, die die Frauen mitbringen, sind ganz grundsätzlicher Natur. Als wir Father Magige, den Priester der Gemeinde, fragen, was die größten Probleme seiner „Schäfchen“ sind, antwortet er schlicht: „Hunger.“ Die meisten hier leben von Subsistenzlandwirtschaft, der Boden und ihre wenigen Tiere werfen vielleicht gerade soviel ab, wie die Familie zum Leben braucht oder in guten Jahren ein wenig mehr, damit Schulgebühren und weitere kleine Ausgaben beglichen werden können. Wenn es dann mehrere Jahre hintereinander nicht oder zu wenig regnet, ist schlicht keine Rücklage vorhanden.

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Behandlung

Frauen, die sich selbst nicht ausreichend ernähren, können auch ihre Kinder nicht genügend stillen. Unterernährte Kinder werden häufiger krank oder haben Entwicklungsverzögerungen. Während wir uns in der Krankenstation unterhalten, kommen ein junger gehbehinderter Mann mit einer großen Fleischwunde an der Hand sowie drei Frauen mit vier Kindern hinzu. Eine junge Frau, eher ein Mädchen, trägt ihre zwei Kinder: eines wie üblich in einem Tuch auf dem Rücken, dessen Zwilling auf den Armen. Beide husten, Geld für Medikamente und Behandlung kann sie nicht aufbringen.

Normalerweise entrichtet jede Patientin einen kleinen Betrag, doch auch wenn dies nicht möglich ist, erhalten sie Unterstützung. Diese ist ebenfalls unabhängig von Religionszugehörigkeit und Nationalität. Über die nur einen Kilometer entfernte Grenze kommen auch ab und zu Kenianer zur Behandlung. Pro Jahr braucht die Krankenstation mit ihren fünf Angestellten (einem Arzt, zwei Hebammen, einer Krankenschwester und einer Reinigungskraft) etwa 5000 € für den laufenden Betrieb. Wir sind sehr froh und auch ein bisschen stolz, mit Hilfe unserer Spenderinnen und Spender nun fast diese Summe zusammen zu haben.

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Im Gespräch, Patientinnen

Das Geld scheint gut angelegt, denn das Angebot richtet sich an die Schwächsten der Gesellschaft: die Armen, nicht mobilen, die Frauen und Kinder. Mama Virginia, Rechtsanwältin und Mitbegründerin einer NGO, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt, berichtet, dass Frauen und Kinder die schwächsten Glieder einer patriarchal organisierten Gesellschaft sind. Häufig verrichten sie einen Großteil der Arbeit, doch den Gewinn streichen ihre Ehemänner nicht immer zum Nutzen der Familie ein. Ein Leben ohne Mann ist auch nicht unbedingt erstrebenswert: nach Scheidungen stehen Frauen ohne Existenzgrundlage da, uneheliche Geburten sind nach wie vor ein Stigma, dass zum Ausschluss aus der eigenen Familie führen kann. Durch HIV/Aids bestehen viele Familien überhaupt nur noch aus Kindern unterschiedlichen Alters, die um ihr Überleben kämpfen müssen. Viele Frauen migrieren über die nahe Grenze nach Kenia, um in Mombasa oder Nairobi Arbeit zu finden - für nicht wenige mit geringer Schulbildung ist Prostitution der einzige Ausweg.

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Kochen, futtern, Kochbananen

Wir werden in Reha mit offenen Armen und freundlichen Blicken empfangen. Außer manchmal von den Kleinsten: anders als an den Hauptstraßen scheinen einige Angst vor uns zu haben, und erst recht, wenn wir unsere Kamera herausholen (ein paar fangen sogar an zu weinen). Die etwas größeren sind da weniger scheu. Am Morgen unserer Abfahrt packe ich gerade mein Fahrrad, als eine Mutter mit zwei in Schuluniformen gekleideten Kindergartenmädchen näherkommt. Sie flüstert ihnen etwas ins Ohr. Zwei große Augenpaare blicken mich an, zwei kleine Münder formen synchron: „Good morning, Mzungu!“ Vielleicht sollte ich beginnen, „Mzungu“ als eine Art normale Anrede zu betrachten.

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Tierisch!

Wir schauen uns das Landleben an und überschreiten quasi illegal die Grenze nach Kenia. Nach zwei Tagen verabschieden wir uns wieder und haben viel zum Nachdenken.

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Calisti, mit Tobi an der kenianischen Grenze

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Fahrschule, Such den Mzungu

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Daniela mit Father Magige, Rennkäfer, Blauvogel

Seit langem bewegen wir uns wieder auf einer Nebenstrecke. Grüne, sprießende Natur wechselt sich mit kargen Flächen ab wo die blanke Erde rot daliegt. Erst einmal fahren wir recht viel bergauf, seit Ewigkeiten mal wieder auch durch Wald, das ist schön. Hier oben sind die Temperaturen angenehm, und sogar den Malaria übertragenden Anopheles zu kühl.

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Schön

An einem überdimensionierten Verkehrskreisel, immer noch nahe bei Kenia, finden wir nicht wirklich etwas zum Mittag essen, aber immerhin eine Cola. Dazu verspeisen wir unsere Kekse und sitzen in der Sonne. Der Besitzer des Ladens bietet uns Bananen an - und möchte dafür keine Bezahlung annehmen. Ich fühle mich völlig überfordert von der Situation und bin extrem gerührt. Es ist lange her, dass jemand, den wir nicht kennen, uns einfach so etwas schenkt. Mzee (also „alter Mann“, müsste etwa so der Jahrgang von Tobis Vater sein) Limo, so stellt er sich vor, erklärt uns, er habe in der Bibel die Geschichte vom Reisenden gelesen, der unverhofft bei Abraham hereinschneite und von diesem köstlich bewirtet wurde. Nachher habe sich herausgestellt, dass sie von Gott gesandt waren. „Kennt Ihr die Geschichte?“ fragt er. „Klar,“ sage ich, in meiner Erinnerung kramend, „das ist doch die, wo Sarah, Abrahams Frau, nachher noch schwanger wird, obwohl sie schon so alt ist, oder?“ „Genau. Wer weiß, wie das bei Euch ist!“ Wir unterhalten uns noch ein Weilchen und brechen beflügelt wieder auf. Wie sehr wir doch von solchen Erlebnissen zehren!

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Abendessen im Kerzenschein, Kili No. 3, Kirchenzeltplatz

Die Strecke wird rauer. Statt auf Asphalt bewegen wir uns nun auf roter Piste. Gleichzeitig werden die Menschen ärmer. Als wir auf einem Markt einkaufen, stehen alle um uns herum, viele in völlig verdreckter Kleidung, einige Frauen mit ausgestreckter Hand. Auch am Straßenrand ist dies nun das normale Bild. Statt die Hand zum Winken zu erheben, wird diese mit der Handfläche nach oben vor sich gehalten. Frauen und Kinder betteln häufig, Männer fast nie. Es ist anders als an der Hauptstraße, oder wir empfinden es anders, wir sehen wirkliche Armut und es bedrückt uns. Wir fahren weiter, ja, weil wir nicht jedem Menschen etwas geben können, sagen wir uns, rational können wir das alles gut bearbeiten, aber emotional sieht das ganze dann schon sehr anders aus.

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Rotgrün

Wir suchen nach einem Zeltplatz, als zwei Jungs per Rad uns mit ihrer Begleitung zwangsbeglücken. Sie sprechen gut Englisch, was sie dann natürlich dazu nutzen, uns nach „Geschenken“ zu fragen. Es kommt uns wie keine gute Idee vor, an einem Ort zu zelten, den sie kennen. Also fahren wir noch eine Weile weiter, bis wir in einem Ort eine einfache Holzkirche sehen und fragen Father Pius (ein Lehrer von Pater Joseph Mosha, wie er uns berichtet), ob wir dort zelten können. Netterweise hat uns Father Magige auf Swahili eine Art Bescheinigung verfasst, die unser Vorhaben beschreibt und bittet, uns zu unterstützen - so ein Priester hat hier doch noch mehr zu sagen!

So schlafen wir also in unserem Zelt direkt hinter der Kirche. Das hat den Vorteil, dass uns die morgendliche (6 Uhr! Tansanianer stehen echt früh auf!) Messe als exzellenter Wecker dient und wir einen Blick auf den Kilimandscharo erhaschen können, bevor sich die Wolkendecke wieder schließt.

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Wanna be dirty

Aus Bewölkung wird schließlich Regen, ziemlich viel davon. Unsere Regenjacken, die wir ganz unten in die Taschen geräumt hatten (auch wenn es geregnet hatte, war es zu warm für sie gewesen) kramen wir nun wieder hervor, denn die Temperaturen liegen auch nur noch um die zwanzig Grad. Wir haben noch einiges an Piste vor uns, eine gute im trockenen Zustand, die ihre Konsistenz mit zunehmender Nässe von oben in Richtung „Schmierseife“ wandelt. Also geht es wirklich langsam voran, nur keine falsche Bewegung, am besten weder bremsen noch lenken. So schleichen wir dem Asphalt entgegen, als uns ein Rallyewagen in einem Affenzahn entgegenkommt. Hm, seltsam, noch einer. Da, schon wieder. Wir kommen noch langsamer voran als zuvor, da wir in kurzen Abständen die Straße verlassen müssen. Das muss wohl tatsächlich eine Rallye sein, während der normale Verkehr einfach weiterläuft und auch mal eine Kuhherde die Straße überquert. Oder ein Kind. Uns kommt es reichlich seltsam vor, wie diese reichen Menschen durch das arme Land rasen, buchstäblich ohne Rücksicht auf Verluste. Tobi, als Kind großer Rallye-Fan, sagt, dass bei der Rallye Paris-Dakar auch immer mal Menschen sterben, weil sie häufig gar nicht wissen, dass ein Rennen stattfindet und sich eben auf der Straße aufhalten.

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Rallye

Die lokale Bevölkerung scheint das Spektakel der East African Safari Classics zu genießen. As ein Hubschrauber den Start (den wir schließlich erreichen) überfliegt, flippen alle völlig aus und winken wie besessen. Wir sind im Fernsehen, juchhu!

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Rallye mit Daniela debil

Während all dem haben wir uns natürlich völlig eingesaut. Leider sind inzwischen auch nicht mehr all unsere Ortlieb-Taschen wasserdicht - die Flicken, die wir dabei haben, hätten wir uns auch schenken können, sie sind inzwischen alle abgefallen. So reinigen wir also am Abend erst die Räder, dann die Taschen, teils auch von innen, und uns. Ein großes Projekt.

Am nächsten Tag erreichen wir Arusha und sind froh. Die letzten Tage waren teilweise anstrengend, aber auch wunderschön. Landschaftlich haben wir seit längerem einmal wieder einige Etappen richtig genossen, und definitiv waren wir abseits fast aller Touristenströme unterwegs (nur drei deutsch-österreichische Motorradfahrer begegnen uns). Das war schön.

Arusha ist mal wieder das volle Gegenteil. Touristisch. Safari-Angebote. Und so weiter. Davon habe ich aber schon so häufig geschrieben. Wir sind auf die nächsten Wochen mit Micha und Tine gespannt. Werden ihre chinesischen Billig-Mountainbikes halten, was die Optik verspricht (wir haben sie gerade für umgerechnet 60 € erstanden)? Oder werden wir alle fünf Kilometer wegen eines Defektes anhalten müssen? Werden wir als vier „Wazungu“ eine Tanzcombo aufmachen und unseren Lebensunterhalt so verdienen? Wird mein Hinterreifen wieder wackelfrei, und: was geht an unseren Rädern als nächstes kaputt?

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