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Almansa bis Balaguer
04. - 12.05.2010

Was uns in letzter Zeit so richtig spanisch vorkommt:

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In Marokko erkannte man Metzgereien daran, dass reichlich totes Tier abhing - direkt am Straßenrand und allen Witterungsbedingungen ausgesetzt. Die brauchten dann auch kein Schild. Hier haben Metzgereien Schilder, auf denen niedliche Schweinchen oder Kälbchen abgebildet sind. Das tote Tier liegt gemeinhin schon so zerkleinert in der Kühltheke, dass ein Zusammenhang zum Lebewesen (außer vielleicht bei Hühnern) nur schwer zu erkennen ist. Der Gipfel: Eine Metzgerei namens „Der gute Hirte". Hallo? Zur Information: Metzger töten süße kleine Tiere (sind zarter!), damit wir sie essen können. Wäre ich ein Tier, ich würde mir ziemlich verarscht vorkommen. Sie wollen mich essen, aber dabei noch so tun, als könnten sie mir nichts zuleide tun. Und zu Wurst, da ist meiner Meinung nach das beste Zitat ohnehin:
"Man könnte schon fast sagen, dass es sogar etwas Mythologisches hat: Ein Tier töten. Und anschließend steckt man das Fleisch des Tieres höhnisch in dessen eigenen Darm. Können Sie sich vielleicht irgendetwas Erniedrigenderes vorstellen, als in den eigenen Arsch  gestopft zu werden? Das ist eine der kleinen Freuden, die wir Menschen in unserem Leben haben..." (Aus: Dänische Delikatessen. Entschuldigung an alle sensiblen Vegetarier. Alle anderen müssen da durch.)

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Nach dem wir in manchen Regionen der Welt Todesängste im Verkehr ausstanden (ganz vorne dabei: Iran und Tansania, letzteres vor allem wegen der Busfahrer) sind wir nun regelrecht perplex in Anbetracht der vorsichtigen Fahrweise unserer Mitkontinentalen. Die ersten Male waren extrem irritierend. Ein Auto hinter mir. Hä, warum überholt der nicht? Ist doch meilenweit niemand? Aber der Fahrende kann auf der kurvenreichen Strecke eben nicht ausreichend sehen und fährt lieber ein paar hundert Meter lang hinter mir. Ja, das ist schon gut, versteht mich nicht falsch. Nur seltsam.

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In Spanien scheint es kaum ein Fitzelchen Land zu geben, auf dem nicht vermerkt steht, dass es in Privatbesitz ist. Oder eher: Die Flächen, auf denen kein Schild zu sehen ist, sind umzäunt. Als es einmal regnet, finden wir nichts, um uns unterzustellen, einfach weil um alles prinzipiell Unterstellmögliche Zäune und Mauern gebaut sind. Jaja, die Sicherheit. Wir landen dann in einer Kuhunterführung. Kühe können ja schließlich nicht einfach über die Straße laufen, wo kämen wir da hin!

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Spanien ist voller W-Lans. Überall schwirren sie herum, wo wir Mittagspause machen, und unser kleiner Laptop ist bereit sie aufzufangen (Seit Marokko wird der Winzling von einer 40 cm langen Tastatur unterstützt, da die ursprüngliche endgültig ihren Geist aufgegeben hat. Sieht toll aus zusammen). Nur leider sind von 30 W-Lans mindestens 29 verschlüsselt. Wir packen wieder ein und denken, dass das sicherlich sehr sicherheitsbewusst und wahnsinnig vernünftig ist, aber für uns hinderlich. Internetcafés gibt es nicht oder sie sind irrwitzig teuer.


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Tobi vor AKW, Ademuz und Abfahrt

Unermüdlich bewegen wir uns weiter nach Nordosten. Und erleben, dass man Schlagern nicht trauen soll (Wieder ein Weltbild zerstört!). Von wegen: „Die Sonne scheint bei Tag und Nacht!" (grandioser Text übrigens). Erstens geht sie abends definitiv unter, das konnten wir schon oft beobachten, und nachts ist es dunkel. Und dann: regnet es. Einen ganzen Tag lang in Almansa, so dass wir spontan länger bleiben, und auch unterwegs häufig. Bei zehn Grad setzen wir uns wieder auf die Räder, und kommen nach wenigen Minuten beim Anblick unserer Gänsehäute zum dem Schluss, dass meine mutige Prognose: „Wir können in kurzen Hosen fahren!" daneben lag. Zwischenzeitlich tragen wir auch mal wieder alle Lagen samt Handschuhen, und im Zelt sind es morgens nur mickrige fünf Grad. Uah! Da fällt das Aufstehen doppelt schwer. Dazu kommt, dass wir drei Tage hintereinander starken Gegenwind haben und uns somit fast über die häufigen Steigungen freuen - da merken wir ihn nicht so.

Generell aber macht das Radfahren Spaß. Trotz unseres eher straffen Zeitplanes fühlen wir uns nicht gestresst und kommen ganz gut voran. Hügelig ist es weiterhin, und die Orte am Wegesrand wie Ademuz, Teruel und Caspe sind schön. Ab und zu feuern uns ältere Herren oder überholende Rennradfahrer mit „Venga, venga!" an, was wir untereinander prompt als Motivationsruf übernehmen. Vollständige Integration, unseren Fähigkeiten gemäß zumindest. Die Spanischkenntnisse reichen nicht für tiefschürfende Gespräche, aber für den einfachen Informationsaustausch reicht meine Mischung aus uralten Erinnerungen, Italienisch und Französisch.

Einmal geraten wir allerdings in eine leicht groteske Situation: Im Supermarkt kaufen wir unter anderem ein Getränk ein. Das tippt der Verkäufer aber nicht ein, sondern sucht es hektisch nach etwas ab. Er bräuchte eine Lesebrille, hat aber keine da. Ich tippe auf den Barcode. Er sagt, nein, das suche er nicht, sondern ein „fecha de ...". Keine Ahnung, was das sein soll. Tobi fragt: „Was sucht er?" Ich: „Irgendwas mit fecha." Der Mann: „Genau, hier isses." Er zeigt auf zwei Zahlenreihen. Ich lese ihm die Zahlen vor, vielleicht braucht er sie zur Eingabe. „Uno, dos, cinque äh cinco" etc pp. Zäh. Hinter uns hat sich eine junge Frau angestellt. Sie und der Kassierer blicken mich mit vollendeter Ausdruckslosigkeit ein. Niemand bewegt sich. Ich kratze mir hilflos die Nase. Tobi fragt: „Was ist denn?" Da fällt mir die andere Zahlenreihe auf. Das Verfallsdatum. Das ist abgelaufen. Ah, genau, fecha, das hieß ja: Datum. Wir kaufen das Getränk nicht, der Verkäufer stellt es vielleicht ins Regal zurück und mein gefühlter IQ beträgt in diesem Moment höchstens 50. Aber was tut man nicht für ein bisschen Amüsement.

So hat jeder Tag seine kleinen Höhepunkte. Auf dem Rad singen wir Schlager (und fragen uns, wo Mendocino liegt und wie man nach einem „Girl" fragt, ohne seinen Namen zu kennen) oder 90er-Jahre-HipHop. Einkaufen dauert immer noch eine Stunde, beinahe täglich, und an die Preisstruktur im Euroland müssen wir uns immer noch gewöhnen. Ist das Bargeld, das wir immer noch bei uns haben und damals in Griechenland aus dem Automaten gezogen haben (Januar 2009) jetzt eigentlich mehr oder weniger wert?

Wir landen in Balaguer, nur noch gut 100 Kilometer von Andorra entfernt, bei Jordi, der fast sein ganzes Essen selbst anbaut und umsonst, über verschiedene Übernachtungsnetzwerke, so viele Gäste beherbergt, dass er eine Liste mit den häufigsten Redewendungen in etwa hundert Sprachen erstellen konnte. Und wir haben nichts, gar nichts hinzuzufügen.
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