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Kigali bis Kabale
16. - 26.12.2009

Es gibt manches, das wiederholt sich auf einer langen Reise so häufig, dass irgendwann die Regelmäßigkeit auffällt. Etwa: immer, wenn wir in einer großen Stadt sind, überlegen wir vorher, wie lange wir dort bleiben wollen. Und immer, immer, ist es am Ende ein Tag länger als wir dachten. Immer ist am letzten Tag noch einiges zu tun oder einer von uns kränkelt. Fast immer ist es Tobi, der vorschlägt, noch zu bleiben, und ich bin es, die weiterwill. Fast immer bleiben wir dann.

So also auch in Kigali. Tobi ist erkältet, wir haben für uns selbst noch keine Weihnachtsgeschenke besorgt, das wären ja schon zwei Gründe. Na, dann fahren wir eben einen Tag später.

Kigali ist sehr europäisch oder westlich, zumindest kommt es uns so vor. Es gibt Fußgängerampeln, alles ist extrem sauber, es gibt große Supermärkte und eine deutsche Bäckerei mit angeschlossener Fleischtheke, wenige Straßenstände und -Händler. Die Preise sind vergleichsweise hoch. Unsere Gastgeber erzählen uns, dass der ruandische Präsident Paul Kagame Kigali zum Singapur Afrikas machen will, entsprechend sehen wir dort neue oder noch im Bau begriffene Hochhäuser. Wir besuchen den Weihnachtsmarkt der belgischen Schule und fühlen uns: seltsam. Es gibt Glühwein und Austern (?!), die Preise stehen europäischen in gar nichts mehr nach. Ohrenbetäubende Weihnachtspopmusik, ausschließlich der schlechtesten Sorte, dröhnt aus den Boxen. Die Belgier waren die Kolonialherren im Land, viele von ihnen leben in der Hauptstadt, und auch für die einheimische Elite ist die Schule eine gute Adresse. Die jungen Lehrer, die wir kennen lernen, finden Ruanda zu wenig afrikanisch, die Einheimischen sehr distanziert. Alles hat seine Ordnung, sogar die Fahrer der Mopedtaxis haben Nummern auf dem Rücken, einen Helm auf dem Kopf und einen zweiten für den Fahrgast am Lenker. An jedem letzten Samstag im Monat sind alle Ruander vormittags zur Gemeinschaftsarbeit verpflichtet, zum Müll wegräumen, Renovieren von Schulen etc. Plastiktüten sind im ganzen Land verboten, und das heißt hier tatsächlich, dass man sie nirgendwo bekommt (in Uganda erfahren wir vom dortigen Verbot erst, als uns jemand davon erzählt - am Tag vorher haben wir beim Einkaufen drei erhalten).

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Gorillas wie echt, Tobi im Gespräch, bergauf

Die Ordnung im Staate hat wohl auch den Völkermord im Jahr 1994 wesentlich begünstigt. Mich hat es erschrocken, wie wenig ich mich daran noch erinnern kann, immerhin war ich damals schon sechzehn Jahre alt. Die erschreckenden Eckdaten: fast eine Millionen Menschen wurden getötet, zwei Millionen flohen aus dem Land. Die Hintergründe sind nicht unkompliziert, dennoch will ich zumindest kurz versuchen, den Rahmen zu erklären. (Und bitte schon vorsorglich um Verzeihung für Ungenauigkeiten)

In Ruanda leben Hutu und Tutsi. Beide sprechen die gleichen Sprache, unterscheiden sich auch nicht religiös - sie sind eher unterschiedlichen Klassen als zwei getrennte Völker. Die viehbesitzenden Tutsi waren im Durchschnitt wohlhabender und hatten schon vor der Kolonialzeit mehr im Land zu sagen als die Ackerbau betreibenden Hutu, die die Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Die Deutschen und später die Belgier nutzten diese Konstellation dazu, über die Tutsi Macht auszuüben, ihnen wurden die wichtigen Positionen im Kolonialstaat zugeteilt - ähnlich verhielt es sich übrigens im südlich von Ruanda gelegenen Burundi, wo noch bis vor kurzem ein Bürgerkrieg wütete.

Als unter den Tutsi der Ruf nach Unabhängigkeit lauter wurde, schwenkten die Belgier um und favorisierten die Hutu - und versuchten unter ihnen den Wunsch zu wecken, die herrschenden Tutsi loszuwerden. Nicht ohne „Erfolg“: Bereits 1959 gab es ein großes Massaker an Tutsi.

Mit der Unabhängigkeit drei Jahre später war die Geschichte natürlich nicht vorbei. Die Hutu saßen an der Macht, die Tutsi wurden von wichtigen Positionen systematisch ausgeschlossen - alles mit Akzeptanz Belgiens und auch Frankreichs, das ebenfalls großen Einfluss besaß. 1973 gab es einen Militärputsch, General Habyarimana herrschte bis 1994. Gewaltausbrüche gegen Tutsi gab es immer wieder, und aus den Tutsi-Flüchtlingen in den Nachbarländern formierte sich Gegenwehr. Es kam zu einem Friedensabkommen zwischen Rebellen und Regierung, kurz darauf wurde das Flugzeug mit den ruandischen und burundischen Staatsoberhäuptern darin abgeschossen.

Von wem ist bis heute ungeklärt. Jedenfalls bildete das Ereignis den Auftakt zum Massenmord. Von langer Hand war er geplant. Auch die Propaganda tat ihren Teil, in Zeitungen wie im Radio wurden Tutsi als Ungeziefer dargestellt, das ausgerottet werden müsse. Das Morden ging schnell und brutal vonstatten. Menschen wurden mit Macheten verstümmelt, Priester verrieten Tutsi, die sich in ihre Kirche geflüchtet hatten und dort zu Hunderten starben, Mütter wurden vor den Augen ihrer Kinder getötet. Die internationale Gemeinschaft, die bereits vor dem Völkermord von den Planungen erfahren hatte, schaute weg - nur die Ausländer wurden evakuiert. Die Friedenstruppen kamen erst, als mehr als zehn Prozent der Bevölkerung mit dem Leben bezahlt hatte.

Heute gibt es viele Gedenkstätten, die an den Genozid erinnern - und doch bleibt es für uns unrealistisch, dass dies alles, was wir in Büchern gelesen haben, wirklich hier geschehen ist, vor nur fünfzehn Jahren. Alle Erwachsenen haben es erlebt, viele haben verstümmelte Leichen gesehen, haben getötet oder jemanden beim töten beobachtet. Und viele gehen nun jeden Sonntag wieder in die Kirche, in der vor nicht allzu langer Zeit Leichen den Boden bedeckten. Anna aus Kibungo sagt, für sie wären es zwei Länder, das, in dem sie arbeitet, und das, in dem der Völkermord statt gefunden habe. Niemand rede darüber, alle schienen so kontrolliert, niemand würde sich beklagen. Auch für uns bleibt es schließlich: unbegreiflich.

Von Kigali aus bewegen wir uns Richtung Norden, denn wir haben beschlossen, am Lake Bunyoni in Süduganda Weihnachten zu verbringen. Vorher warten noch einige Berge auf uns. „Land der tausend Hügel“ wird Ruanda ja auch genannt, wir wissen nun, warum! Statt die Straßen langweilig durch die vorhandenen Täler zu führen, scheinen wir jede Anhöhe mitzunehmen. „Immer möglichst nah am Mobilfunkmast vorbei!“ fasst Tobi die hiesige Straßenbauermentalität zusammen - und der Mast steht natürlich am höchsten Punkt. Die Aussichten sind dabei schön, und es regnet schon ein paar Tage nicht, sodass wir hoffen, die Regenzeit sei bereits vorbei.

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Aussichten auf Vulkane

Ruanda ist ein sehr schönes Land zum Radfahren: Durch die vielen Hügel ist es abwechslungsreich, die Straßen sind wunderbar und die Menschen freundlich. Über ein übertrieben (also: westlich) ausgeprägtes Verlangen nach Privatsphäre sollte man am besten nicht verfügen. Wir sind praktisch nie allein. Siedlungen gibt es überall, und ein großer Anteil aller Ruander scheint in einer immerwährenden Völkerwanderung auf der Straße unterwegs zu sein, Waren auf dem Kopf transportierend, kleine Kinder auf dem Rücken (das Tragetuch wird hier übrigens nicht, wie in Tansania über einer Schulter und unter der anderen hindurch gebunden, sondern unter beiden hindurch und über der Brust geknotet.). Manchmal kann diese Dauerbegleitung zehren. Unser erster Anstieg von Kigali aus ist recht steil, und ich krieche mit fünf, sechs km/h vor mich hin. Neben mir geht eine Gruppe von vier oder fünf Menschen, die mich fortwährend anstarrt, während ich schweißgebadet in die Pedale trete. Ich weiß, ich habe ohnehin keine andere Wahl, als es hinzunehmen, ich weiß, sie meinen es nicht böse oder unhöflich, wie ein solches Verhalten in Deutschland beurteilt würde. Vielleicht würden mir fernöstliche Meditationstechniken helfen. Zum Glück geht jede Steigung auch einmal zu Ende, fast eine Stunde haben wir immerhin zusammen verbracht. Ich frage mich, wie die deutschen „Was guckst du?“-Jungs hier zurecht kämen, sie hätten viel zu lamentieren oder prügeln, je nachdem. Wir versuchen die zwanzig Menschen, die bei Pausen um uns herum stehen, hinzunehmen, manchmal entstehen Gespräche, ein paar Mal kramen wir langsam den Fotoapparat heraus, denn fotografiert werden die meisten nicht gerne und wir können uns allein mit der „Drohung“ ein bisschen Luft verschaffen.

Ruhengeri ist unser letzter Stopp in Ruanda. Hier erheben sich Vulkane hoch in die Luft, und im Regenwald leben Gorillas (die man gegen eine unerhebliche Gebühr von 500 $ auch besuchen kann). Uganda, die Demokratische Republik Kongo und Ruanda treffen sich hier, und auf ruandischer Seite können wir eine hohe Militärpräsenz beobachten. Die DR Kongo ist nach wie vor instabil, offensichtlich gerade wegen ihrer reichhaltigen Bodenschätze. Die einheimischen Eliten wollen sich an ihnen natürlich ebenso gerne bereichern wie die der Nachbarländer, nur die Bevölkerung bleibt arm, wie so oft.

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Tour de Rwanda 1-3

Unser Grenzübergang nach Uganda ist äußerst friedlich. Zwar müssen wir uns mal wieder ein Visum kaufen, aber abgesehen von den Kosten ist damit wenig Aufwand verbunden. Neues Land, neues Glück! Und in diesem Fall: schlechtere Straßen. Auf unseren Karten ist die Straße asphaltiert eingezeichnet. Eine optimistische Zukunftsversion, vielleicht, jedenfalls keine Zustandsbeschreibung. Aber sich auf unsere Karten zu verlassen, das haben wir uns in Ruanda ohnehin schon abgewöhnt und uns immer auf die in diversen Karten, Führern, Schildern angegebene längste Distanz eingestellt - eine äußerst gute Entscheidung, wir wurden nie freudig überrascht.

In Uganda machen wir zunächst in Kisoro halt. Noch besitzen wir die einheimische Währung nicht, aber hier soll es ja einen Geldautomaten geben. Hm, gerade außer Betrieb. Also gehe ich am nächsten Morgen zur Bank und reihe mich in die lange Schlange ein. Bin etwa Nummer 50, und langsam, aber sicher, rücke ich vor. Eine Stunde vergeht, eineinhalb, als die Menschenmenge zum stehen kommt. Offensichtlich ist das Geld im Automaten aufgebraucht. Da aber alle geduldig weiter warten, bleibe auch ich zunächst stehen. Eine halbe Stunde später gebe ich die Hoffnung auf, gehe in die Bank, stehe noch mal eine dreiviertel Stunde und halte schließlich Uganda Schilling in der Hand. Ich bin erschöpft. Auch, weil sich offensichtlich viele Menschen in der Kunst des unauffälligen Vordrängelns üben und die Anzahl der Menschen vor mir zeitweise nicht kürzer, sondern länger wird. Niemand sagt etwas, alles nehmen es schweigend hin. „This is corruption!“ sagt der nette Hotelangestellte, als ich ihm meinen Ärger schildere, ein Wort, dass ich auch in der Schlange schon einige Male vernommen habe.

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Schwertransport, mit Fans, Lake Burero

Wenn wir nicht am selben Tag noch 70 bergige Kilometer fahren wollten und inzwischen halb zwölf hätten, wäre ja alles gar nicht so schlimm - und fernöstliche Meditationstechniken hätten mir sicher erneut geholfen (Merkzettel für neues Leben in Deutschland: vhs-Kurs buchen). So brechen wir leicht hektisch auf, weil Weihnachten naht und wir an einem schönen Ort sein möchten. Also nehmen wir die verschiedenen 2000er Pässe, die da kommen, in Angriff - und freuen uns an der schönen Natur, die sich unter uns ausbreitet. So sehr, dass die Hetze aus unseren Gesichtern weicht und die gute Laune langsam zurück kehrt, es wäre auch eine Schande.

Irgendwann müssen wir aber doch der Tatsache ins Auge schauen, dass wir viel zu spät sind, um noch im Hellen in Kabale anzukommen. Weil ich aber die Idee nicht aufgeben mag, zum Lake Bunyoni zu fahren, fahren wir im Dunkeln weiter. „Oh, you are late, Mzungu!“ rufen uns scharfsinnige Menschen zu. Zum Glück ist der zweite Teil der Strecke geteert und wir haben es mit wesentlich weniger Steigungen zu tun. Fast ohne Pausen fahren wir letztlich die ganze zweite Hälfte durch (natürlich sind es tatsächlich 80 km, wie könnte es anders sein). Wir sind froh, als wir in Kabale ankommen, ein Zimmer haben und auf unser Essen warten. Geschafft!

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Gebirgig. Und wieder Fans.

Am nächsten Tag, Heilig Abend, überlegen wir schließlich lange, ob wir tatsächlich zum See fahren. Schließlich ringen wir uns doch dazu durch, kaufen ein und machen uns auf den nur neun Kilometer langen Weg. Kurz darauf verfluche ich unsere Entscheidung. Ist das steil! Die Straße ist wenig befahren und gar nicht von Lkw, also hat sich niemand Mühe gegeben, Serpentinen zu bauen. Seit langem Mal wieder tut es so richtig weh. Als die Steigung sich etwas später wieder in humanen Graden bewegt, denke ich mir, ach, war doch alles gar nicht so schlimm (wie immer)!

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Winkewinke, Feddisch!, Feels like jungle

Am See ist es schön. Auch wenn Weihnachten für mich wohl auf immer mit kaltem Wetter und der Anwesenheit meiner Familie verknüpft ist, außerdem dem dazugehörigen Essen, ist es hier eine gute zweite Wahl. Wir bauen unser Zelt auf und sind gerade noch rechtzeitig, bevor eine Regenfront uns erreicht. Tja, da ist die Regenzeit wohl doch noch nicht vorbei! Leider wird es die meiste Zeit trüb sein oder regnen, die Temperaturen liegen hier auf 2000 Metern bei um die 20 Grad, wir packen unsere Regenhosen aus, kuscheln uns seit langem mal wieder in unsere dicken Fleecejacken, essen Pizza und tauschen Geschenke aus. Der Chef des Ladens ist ein äußerst netter Niederländer, der uns einige interessante Geschichten erzählt. Seit sechs Jahren lebt er mit seiner ugandischen Frau im Land und baut und renoviert Hotels und Camps. Er erzählt uns etwa von Touristen, die ein Permit zum Gorilla-Besuch (zur Erinnerung: 500 $ pro Person pro Tag) haben, wenn sie aber hören, dass sie laufen müssen, von ihrem Plan wieder Abstand nehmen - und das Geld in den Wind schreiben. Oder von denen, die sich für vier Tage hintereinander einkaufen, nach zweien dann aber schon keine Lust mehr haben. Oder von Touristinnen, die in einer Bank 1000 $ in Ein-Dollar-Noten tauschen ließen, sich auf den Marktplatz stellten und das Geld verschenken (die habe er aus dem Hotel herausgeworfen, in dem er zu diesem Zeitpunkt gearbeitet habe). Uns eröffnet sich, warum an uns solche Hoffnungen (Geld/Stift/Süßigkeit) herangetragen werden, dass es tatsächlich Menschen gibt, die einfach so verteilen, welchen Zweck das auch immer haben soll. Letztlich wohl einfach den, ein Kind lächeln zu sehen und damit selbst ein Stück von seinem Glück abzubekommen. „Dem hab ich aber toll geholfen!“ würde manch ein Sozialpädagoge an dieser Stelle wohl sagen. „Und diese Dankbarkeit!“

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Lake Bunyoni, Wir sind DEFINITIV auf dem richtigen Weg, Piepmatz

Wir fühlen uns trotz des bescheidenen Wetters im Camp wohl und genießen vor allem das Nichtstun (wenn man Wäschewaschen, Fahrradinstandhaltung und Berichte schreiben nicht zählt), passend zu den Feiertagen. Wir treffen drei Motorradfahrer, Nina, Tom und Markus, mit denen wir einen netten Abend verquatschen. Wir hören von einer Möglichkeit, Gorillas zu sehen ohne die entsprechende Summe auf den Tisch zu legen - und überlegen, ob wir das versuchen und eine andere, unwegsamere Strecke fahren sollen. Manchmal wäre das Leben einfacher, wenn es weniger Optionen gäbe!

Wir sind jedenfalls gespannt auf Uganda und die nächsten Wochen in Ostafrika. Und auf das neue Jahr natürlich sowieso.
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