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Azrou bis Mellila
17. -24.04.2010

Der Ruhetag in Azrou hat uns gut getan. Frisch wie zwei junge Rehe besteigen wir unsere Räder, um den Mittleren Atlas unter uns hinweg rollen zu lassen. Dieser birgt tatsächlich noch einige Überraschungen für uns, obwohl wir uns schon so lange in Marokko aufhalten.

Die veränderten klimatischen Bedingungen fanden in Form nächtlichen Regens ja schon im vorigen Artikel Erwähnung. An unserem nächsten Fahrtag regnet es dann tagsüber, und zwar nicht zu knapp, bei Temperaturen nur knapp über 10 Grad. Wir packen unsere Handschuhe aus, ziehen die wasserdichten Hosen und Schuhe an (alles so Material, das wir zurückgeben wollten) und bibbern uns die Abfahrt hinunter, was wir uns nach zwölf Kilometern Anstieg auch irgendwie schöner vorgestellt hatten.

Je weiter wir uns von Azrou entfernen, desto unberührter ist die Umgebung von Tourismus. Die Landschaften sind also nicht ganz so spektakulär und es gibt keine Sehenswürdigkeiten im eigentlichen Sinne (wenn es die gäbe, wären sicher auch Menschen da, um sie anzuschauen), aber wir freuen uns, dass der Umgang mit uns sich so komplett geändert hat. Auch wenn es manchmal etwas anstrengend sein kann.

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Mittlerer Atlas, Schafherde

Wir müssen uns erst einmal wieder daran gewöhnen, dass wir richtig gehend angestarrt werden, wenn wir in einem Café Pause machen - Entspannung bei gleichzeitiger Beobachtung durch zehn männliche Augenpaare will gelernt sein. Anstrengend sind nicht die älteren Herren, sondern vor allem die jungen Männer ab dreizehn. Gefühlt bilden sie einen Großteil der Bevölkerung und schlendern mit Vorliebe in Gruppen auf der Straße herum. Wenn wir vorbeifahren traut sich einer, uns etwa in den Rücken zu rufen (das wir nicht verstehen), woraufhin alle anderen lachen. Find ich auch total lustig!


Die meisten Menschen begegnen uns extrem freundlich, umso mehr, je näher wir ans Mittelmeer kommen, dabei hatten wir gehört, dass es mit den Menschen im Norden Marokkos schwieriger sein soll. Viele erkundigen sich nach unserer Reise oder winken uns zu, ein Ladenbesitzer schenkt uns Erdnüsse, das ist alles sehr angenehm bzw. lecker. Da nehmen wir die schlechtere Infrastruktur gerne in Kauf.

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Auf dem Weg zum Mittelmeer I

In Berkine, einem echt kleinen Ort, der aber immerhin in Besitz eines Ladens, eines Cafés und einer Polizeistation ist (jeweils den ersten ihrer Art seit mindestens 50 Kilometern) wird uns klar, dass diese Strecke außer uns kaum Ausländer fahren - wir müssen uns bei der Polizei registrieren lassen. Fünf Uniformträger sitzen oder stehen uns gegenüber, und der Herr in Jogginganzug offenbart sich glücklicherweise gleich zu Anfang: „Ich bin hier der Chef!" Ganz genau wissen sie wohl selbst nicht, warum die Prozedur nötig ist, wahrscheinlich, weil wir einfach die einzigen ausländischen Radfahrer sind, die sie je in ihrem Ort gesehen haben, vielleicht auch, weil sonst nicht viel zu tun war außer der Autowäsche von Chefs Wagen. So plaudern wir eben ein Viertelstündchen freundlich miteinander und verabschieden uns ebenso nett.


Guercif verleihe ich den Titel der freundlichsten Stadt Marokkos, und das obwohl ein paar Jugendliche ihre Fremdsprachenkenntnisse an uns ausprobiert haben („Fuck you."). Entschädigt werden wir von einem Orangensaft zum Frühstück, der wie ein Cocktail serviert wird (inkl. Zuckerrand und Fruchtstückchen) und dabei noch nicht einmal fünfzig Eurocent kostet. Und von einer Rose, die Tobi (!!!) von einem jungen Herrn geschenkt bekommt, nachdem er sich mit uns hat fotografieren lassen. Der nette Bäcker von nebenan sieht fast aus wie der König, sagen wir ihm, zumindest auf dem royalen Bild, das im Verkaufsraum hängt (Royale Bilder hängen überall. Mich erinnert er ja immer auch ein bisschen an meinen Bruder Christof.).


Über die letzten Ausläufer des Rifs fahren wir von Guercif nach Nador, wo irgendwie auch alle so nett sind, unglaublich. Die Unterkunft für umgerechnet knapp 8 Euro ist auch gar nicht so schlecht, die Kakerlaken sind noch ganz klein, und wir hauen unser restliches marokkanisches Geld aufn Kopf.


Europa betreten wir dann schon in Afrika - in Form der spanischen Exklave Mellila. Ich bin wehmütig, als wir die letzten Kilometer zum riesigen Zaun zurücklegen, der die Grenze zwischen arm und reich markiert.

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Auf dem Weg zum Mittelmeer II, Melilla, auf dem Mittelmeer

So ist die Welt, andere riskieren ihr Leben, um in die EU zu kommen, für uns reicht der richtige Pass. Gespenstisch sind die riesigen Sicherungsanlagen, die für die Angst zu stehen scheinen, alles könnte uns weg genommen werden von den anderen. Weil wir nicht die anderen sind, sondern auf der „richtigen" Seite geboren wurden, schnüffelt nur der Drogenhund kurz an unseren Rädern, bevor wir sie auf die Fähre schieben können.


Melilla vermittelt uns während unseres kurzen Aufenthaltes keinen so großen Kulturschock, wie wir angenommen hätten. Im wesentlichen sehen die Menschen anders aus, weißer und dicker und weniger bekleidet, und natürlich die Autos, die sind auch dick und neu. Das ist Europa auf den ersten Blick: weiß und dick und ängstlich.


Dann stehen wir also auf dem Oberdeck der Fähre im Wind, schauen Afrika zu, wie es verschwindet, und Europa, wie es erscheint, und trinken spanisches Bier aus der Dose. Und sind gespannt, was kommt.


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