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Chalon sur Saône bis Lorentzweiler
30.05. - 06.06.2010

Die letzten Tage allein liegen vor uns. Das fühlt sich seltsam an und surreal, und so genau wissen wir nicht, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen sollen. Also tun wir das, was wir können, nämlich Rad fahren, und verhalten uns gar nicht so schrecklich anders. Für viele Menschen zu Hause ist unsere Reise eine außergewöhnliche Angelegenheit, und auch in meinem Kopf setzte im Rückblick auf die vergangenen 19 Monate Erstaunen über uns selbst ein. Und doch sind viele Tätigkeiten für uns einfach Alltag, wie es eben früher der Alltag war, morgens die S-Bahn nach Wedel zu erwischen. Das Zelt aufbauen, das Zelt abbauen, kochen, Frühstück machen, Tagebuch schreiben, Ausgaben notieren, abends im Zelt noch lesen, es ist ein schönes Leben. Bis zu unserer Rückkehr halte ich (manchmal fast krampfhaft) an den Ritualen fest.

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Libelle, Kanaltunnel, Freilauf

Wir haben lange Steigungen hinter uns gelassen, nun liegen nur noch sanft geschwungene Hügel vor uns, und der Canal de l‘Est (manchmal auch Canal des Vosges genannt), der uns zur Mosel führen soll. Kurz überlegen wir uns, an einem Tag noch einmal unseren Distanzrekord zu brechen, doch dann sind wir einfach zu faul. Auch ohne uns groß anzustrengen bringen wir täglich genügend Kilometer hinter uns, um rechtzeitig in Epinal anzukommen, wo wir einen Freund treffen wollen, und was soll die Eile?

Wir begegnen Radfahrern aus Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Korea, die mal auf längerer, mal kürzerer Tour sind und halten das ein oder andere nette Schwätzchen. Am Kanal angekommen, bewegen wir uns lange in einem Tal, in dem nur der alte Wasserweg und ein neuer Fahrradweg verlaufen, außer ein paar Schleusenwärterhäuschen gibt es nichts. Ein Picknickplatz für Boote ist unser letzter Zeltplatz zu zweit, mit Bänken und Tischen luxuriös eingerichtet.

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Reparaturversuche: Kabelbinder, Draht und Bowdenzug

Nur ein kleiner Wermutstropfen trübt die Idylle. Tobis Freilauf bricht wenige Meter zuvor. Das heißt: wenn er in die Pedale tritt, überträgt sich die Bewegung nicht von Ritzel auf Laufrad. Zwar haben wir - vom Austausch meiner Nabe in Tansania - ein Ersatzteil dabei, aber Tobi fehlt offensichtlich das richtige Werkzeug.

Unser Fahrradreparaturbuch schlägt eine Notfallreparatur vor. Das Ritzelpaket mit Draht an den Speichen zu befestigen. Gelesen, getan. Erst versuchen wir es mit Kabelbinder, der nach wenigen Metern reißt. Auch der dünne Draht hält kaum länger, Anders sieht es mit den Bowdenzügen aus, die noch in der Reparaturtasche sind, sie halten zunächst bombenfest. Tobi muss nun nur ständig mittreten oder die Füße hochheben, sonst verheddert sich alles und der Reifen blockiert. Ganz schön tückisch: als er einer Dame am Wegesrand freundlich zuwinkt, hört er instinktiv auf zu pedalen  und kann gerade noch verhindern, sich vor ihr auf die Nase zu legen.

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Unser schöner Zeltpaltz! Frühstück, Felgenriss

Leider entwickelt sich mit unserer Spezialkonstruktion ein Achter, und als wir gerade einen Hügel auf dem Weg nach Epinal herabrollen (haben eine Abkürzung vom Kanal genommen), gibt es einen großen Knall und aus Tobis Hinterreifen entweicht schlagartig die Luft.

Der Grund ist schnell ersichtlich: Über die Felge ziehen sich zwei lange Risse, die den Schlauch aufgerissen haben. Notdürftig wechseln wir den Schlauch, und nachdem der Bowdenzug, der Speichen und Ritzel verbindet, endgültig gerissen ist, bleibt für Tobi auf ebener oder ansteigender Strecke nur noch schieben.

Ein paar Kilometer haben wir noch nach Epinal, es gab sicher schon Dinge in unserem Leben, die uns mehr Spaß gemacht haben als mit den schwer beladenen Rädern durch die Stadt zu kriechen. Die gute Laune, die sich trotz der Panne bis weit in den Vormittag gehalten hat, ist bei uns beiden weg. Doch schließlich finden wir ein günstiges Hotel im Jugendherbergsstil und brechen sofort auf zum Felgenkauf (eine Ausgabe, die wir uns gerne erspart hätten). Wir sehen Felgen für 1200 Euro. Verrückt, dieses Europa - unsere kompletten Fahrräder haben kaum mehr gekostet und sind um die halbe Welt gefahren -- was brauchen Freizeitsportler denn bitte mehr?

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Ti in Metz, Nancy (als Stadt, nicht Person)

Am nächsten Tag kommt Ti, den ich schon seit mehr als der Hälfte meines Lebens kenne. Ti ist in einer Welt, in der Felgen 1200 Euro kosten und sich jede/r zum Gassigehen in Goretex wirft, eine erfrischende Person: er radelt in Jeans und seine millimeterdünne Isomatte stammt noch von der Bundeswehr. Auch seine Packtaschen sind klein, aber für drei Flaschen Kölsch ist selbstverständliche Platz!

Entsprechend endet der Abend feucht-fröhlich und der nächste Tag verkatert - für Tobi und mich, Ti ist in diesem Bereich wohl ein wenig trainierter (keine Kunst). Nach einem zweiten Frühstück in Form von Pommes fühlen wir uns bereit, die Mosel in Angriff zu nehmen.

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Warmwesten!, neuer Mitfahrer Ouagadougou Adebayor, Cattenom! J'aime Atomkraft

Der erste Abend führt uns an einen schönen Weiher, wo wir unsere beiden Zelte aufstellen. Die Angler in der Nähe stören uns nicht, wir sie offensichtlich auch nicht. Am nächsten Morgen werden wir durch Rasenmähergeräusche geweckt (sind wir denn schon im Westerwald?): überall am Ufer kürzen Herren mit unterschiedlichem Gerät das Gras. Einer von ihnen kommt schließlich auf uns zu. Das sei privat, ob wir das nicht gesehen hätten. Nein, wir sind querfeldein gekommen. Nach ein bisschen Geknurre und dem versichernden Blick, dass wir auch keine Angel im Wasser haben, verschwindet er, und sagt, das sei schon kein Problem, so lange wir nach dem Frühstück verschwänden. Kurioserweise ist dies das allererste Mal auf unserer ganzen Reise, dass wir überhaupt Probleme beim Wildzelten haben.

An der Mosel entlang bewegen wir uns auf Thionville zu. Ab und zu gibt es einen markierten Radweg, doch oft genug endet der in einem Trampelpfad und wir kommen nicht weiter: immer wieder stellt sich die Frage: Straße oder „Abkürzung". Letztere kosten uns oft reichlich Zeit.

In Thionville biegen wir von der Mosel ab und radeln auf und ab auf Luxemburg zu. Vor den Hügeln in diesem Land wurden wir ja bereits eindringlich gewarnt (ein weiterer befragter Niederländer konnte die Einschätzung seines Landsmannes nur bestätigen), Wir sehen zwar dauernd dunkle Wolken, kommen aber fast ganz trocken davon, und erreichen schließlich Lorentzweiler.

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Letztes Ausland, Sandy (so wie wir ihn kennen), Sonnenbiertrinken

In diesem Ort zehn Kilometer nördlich von Luxemburg Stadt wohnt Sandy, ein guter Freund von uns (und ein Mann. Bei „Flipper" gibt es übrigens auch einen Jungen, der so heißt.). Herzlich nimmt uns seine Haus-WG auf, wir fühlen uns schon ein kleines bisschen wie angekommen und genießen die zwei Tage sehr, die wir hier beim Sightseeing, Kochen und Organisieren verbringen.

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