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Carcassonne bis Chalon sur Saône
18. - 29.05.2010

Irgendwie ist in unseren Köpfen Frankreich immer als ein nicht übersympathisches Reiseland abgespeichert gewesen, und die Franzosen als arrogant, wenn man ihre Sprache nicht oder nicht gut spricht. Auch wir selbst fanden es oft seltsam, Franzosen in ihren ehemaligen Kolonien zu erleben, wo es uns vorkam, als verhielten sie sich wie zu Hause.

Insofern hat uns Frankreich wirklich positiv überrascht. Die Menschen sind sehr freundlich, und schon viel öfter als in Spanien hat sich am Wegesrand ein Gespräch ergeben (was auch an unseren besseren Sprachkenntnissen liegen könnte). Die Campingplätze erkennen an, dass eine Übernachtung für zwei Leute im Zelt billiger sein sollte als im Wohnmobil, und so können wir wesentlich günstiger dort übernachten. Es gibt viele Brunnen oder öffentliche Toiletten, wo wir unsere Wasservorräte auffüllen können, und die Rennradfahrer, die uns auf manchen Strecken im Minutentakt überholen, grüßen uns immer nett und gucken dabei ein klein bisschen mitleidig. Zweimal begegnen wir Teams, die zumindest so professionell sind, dass sie in Begleitfahrzeug dabei haben, meist aber graumelierten Herren, die das Leichtgewicht ihres Sportgerätes spielend mit ihrem Bäuchlein ausgleichen. Wir fragen uns manchmal, wie schnell wir wohl auf einem Rennrad wären, wo es sie doch schon fast wie fliegen anfühlt, wenn wir einmal ohne Gepäck fahren.

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Abfahrt, Mühle, Uiuiui - dangereux!

Wir unterhalten uns lange mit Motorradfahrern. Yves und Ingrid kommen ursprünglich aus der Schweiz und leben in Frankreich, wenn es ihnen im Sommer zu heiß unter den Lederklamotten wird, steigen sie auf das Rad um, und durch die Schwere unserer Packtaschen sind sie wenig überrascht zu erfahren, dass wir schon ganz lange unterwegs sind. Sie laden uns auf einen Kaffee ein - wie schön, mal wieder mit anderen übers Reisen zu quasseln. Ein Herr mittleren Alters aus Linz spricht uns ebenso an. Bei solchen Dialogen kommen wir dann manchmal in Erklärungsnöte: „Seid Ihr mit dem Fahrrad von Deutschland hierher gekommen?" „Ja." „Wie lange habt Ihr gebraucht?" „Eineinhalb Jahre." Um nicht wie die letzten Schnecken dazustehen, folgt natürlich eine ausgiebige Erklärung.

Wir radeln zur Gorges du Tarn, über einen Pass, von dem uns Yves und Ingrid „versprachen", er sei extrem steil - bei manchen Versprechen freut man sich auch, wenn sie nicht gehalten werden, und wenn man sich über so einsame Straßen bewegt, umso mehr. Wir sind in Frankreich auch ganz begeistert von dem vielen Wald, was sich für Euch sicherlich seltsam anhört - doch wir hatten den letzten richtigen Wald in Uganda, und das ist definitiv schon zu lange her. Vegetativ fühlen wir uns oft schon wie zu Hause.

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Yeah - 20.000!

Wald hat auch den Vorteil, dass er uns vor den heftigen Winden zumindest ein bisschen schützt, die unseren Weg begleiten. Über Tage werden wir sie nicht los, eigentlich sogar bereits in Spanien, peitschen uns um die Ohren und reduzieren die gefühlte Temperatur merklich. Wir sind natürlich auch nix mehr gewöhnt und frösteln schon fast, wenn das Thermometer mal unter 20 Grad anzeigt.

Die Schluchten der Tarn sind jedenfalls sehr schön, wenn wir auch eher von einem engen Tal als einer echten Schlucht sprechen würden. Hier vollenden wir unseren 20.000sten Kilometer. Wow! Wer hätte das gedacht, als wir eines Novembermorgens in Meudt aufbrachen, jung und naiv und neugierig - ich jedenfalls nicht. In Ermangelung von Sekt trinken wir - Whisky. Und fahren nach der anschließenden Mittagspause beschwingt weiter, aus der Schlucht heraus, über eine windige Hochebene und schlussendlich tatsächlich bergab.

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Gorges du Tarn, Schattenbild, letzter richter Pass

In Mende landen wir auf einem Campingplatz, auf dem sich alle Gäste außer uns herzlich begrüßen und die Kinder miteinander spielen, als würden sie sich schon von Geburt an kennen. „Müssen Dauercamper sein," sagen wir uns, „die müssen sich für Pfingsten verabredet haben, wie die sich freuen, sich wiederzusehen!" Später wird uns dann der Grund des überschwänglichen Wiedersehens erklärt: der Juniorchef des Campingplatzes heiratet und außer uns sind im wesentlichen Familienangehörige auf dem Platz unter gebracht. Selbst das Hochzeitsfoto wird zwar nicht mit Wohnmobilien im Hintergrund, aber doch auf dem Platz geschossen. Danach entledigen sich die anwesenden Herren schnell ihrer Oberbekleidung, um, na was wohl: eine Runde Boule zu spielen, während die kleinen Mädchen sich beständig Röckchen schwingend im Kreis drehen. Und am nächsten Morgen kommt der Bräutigam gerade mit einer leeren Sektflasche aus dem Haus, als wir fahren, und verabschiedet uns freundlich. Das nenne ich Arbeitsethos!

Für uns heißt es Weiterfahren, und oft fällt das Aufbrechen nach einem Ruhetag schwer und wir wollen eigentlich bleiben und ausruhen und reden und lesen - aber das muss wohl noch ein bisschen warten. Mal fahren wir an der Loire entlang, mal über die Hügel am Wegesrand, oft haben wir eine schöne Aussicht , und wir merken, dass es uns kaum noch schwer fällt, bergauf zu fahren. Im kleinen Ort Chambles spricht uns ein älterer Herr an, woher wir kämen? Er sei während des 2. Weltkrieges drei Jahre in Gefangenschaft in Berlin gewesen. Nach ein paar Worten verabschiedet er sich und geht mit seinem Baguette nach Hause, um kurz darauf wieder zu kehren und uns zu einem Apéretif einzuladen. Wir Schnapsdrosseln denken natürlich sofort an Alkohol und stimmen zu, sind aber angesichts der Tageszeit doch recht froh, als uns Saft und Kaffee angeboten wird.

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Am Abend, das Ehepaar Trève, Loire-Schlösschen

Monsieur und Madame Trève leben in einem alten, in die Stadtmauer eingebauten Hause. Lachend sagen sie zu uns, wir könnten ja hier nicht wohnen, wir seien ja zu groß (klar, bei unserem hünenhaften Körperwuchs!), und tatsächlich müssen wir bei den Treppen beide aufpassen, uns nicht den Kopf zu stoßen. Aber hätten sie uns das Haus angeboten, ich hätte kaum nein sagen können. Durch die breite Fensterfront über die Terrasse erschließt sich ein traumhafter Blick auf die verschlungene Loire, die ruhig durch bewaldete Hänge fließt. Innen ist alles klein, gemütlich und stilvoll eingerichtet, und die Besitzer passen sich in dieses Interieur fabelhaft ein.

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Pferdemädchen, Pferdeflüsterer, weitere Huftiere

Sie erzählen von ihrem Leben und wir von unserer Reise. „Früher gab es Krieg, heute sind Deutsche und Franzosen Freunde", sagt Herr Trève, trotz aller schlechter Erinnerungen ist er offen, neugierig und interessiert. Wie so oft fühlt es sich ein bisschen seltsam an. Wir, die Deutschen, er, der Franzose, auch wenn alles lange vor unserer Geburt geschah sind wir doch zumindest die Nachfahren der Täter. Und doch ist mir dieses Gefühl letztlich lieber als die Deutschland-/Arier-Verehrung in anderen Ländern, der ich verwirrt gegenüber stehe. Neulich hat ein pakistanischer Facebook-Bekannter bei „Mein Kampf" auf „Like" gedrückt. Auch so eine Reise-Erkenntnis, dass die negative Bewertung des Nationalsozialismus‘ außerhalb der „westlichen" Welt keine Selbstverständlichkeit ist.

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Geographenkrankheit, Schnecke am Schuh, Biene am Bein

Noch ein paar Hügel auf und ab, am Canal du Centre viele flache Kilometer entlang, einmal nass werden, sich nass streiten und wieder vertragen (und alles wegen ein paar Omis im McDonald‘s) - und wir sind in Chalon sur Saône, entsprechend also am gleichnamigen Fluss, angekommen.

Verschwiegen werden soll nicht eine Begegnung mit zwei deutschen Reiseradlern vor einem Supermarkt. „Wir wollten ja vielleicht ans Mittelmeer, aber jetzt fahren wir an den Atlantik. Da ist ja sonst das Zentralmassiv dazwischen, das geht ja nur auf und ab, ganz schlimm." „Da kommen wir gerade her."

(Stolzgeschwellte Brust.)
(Abgang.)
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