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Balaguer bis Carcassonne
13. - 17.05.2010

„Wie baust Du Deine Verteidigung auf?" fragt mich Tobi heute morgen beim Frühstück. „Verteidigung?" nuschele ich, nachdem ich ein großes Stück Wurst heruntergeschluckt habe, „was meinst Du?"

Damit wären wir auch schon gleich dabei. Ich BIN ja gar keine Vegetarierin. Nachdem einige Nachrichten aus der Heimat aber vermuten ließen, dass der Eindruck nach dem letzten Artikel entstanden war und ich Angst habe, bei unserem Rückkehrgrillfest eine Sojawurst auf den Teller gelegt zu bekommen, oute ich mich hiermit als Fleichesserin. Meine Einstellung lautet zusammengefasst in etwa so: ich möchte Fleisch essen, aber dabei nicht vergessen, dass es einmal ein Tier war. Und fand es nach unserer Rückkehr nach Europa seltsam, dass dieser Zusammenhang so verloren geht. Nur darauf wollte ich hinweisen. War aber vermutlich etwas verworren.

Ach ja: Und schreibfaul sind wir natürlich auch nicht! Nur eher radfahrfleißig mit wenigen Ruhetagen, sodass die Zeit für neue Berichte und Karten etwas knapp ist. Außerdem haben wir viele Postkarten geschrieben, sozusagen Exklusivversorgung der Spender und Spenderinnen. Nun aber zu dem, was passierte.

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So viele Redewendungen ... keine wird hier zitiert, Andorra = Tanken, Andorra la Vella von oben

Andorra ist ein interessanter Staat. Der größte Zwergstaat Europas, sagt Tobi. Ein Hochtal in den Pyrenäen, seit dem 13. Jahrhundert durchgängig unabhängig, gut 80.000 Einwohner. Und ein Paradies für alle Shoppingsüchtigen.

Denn: „Andorra gehört nicht zur EU," informiert uns der freundliche Zollbeamte, den wir an der Grenze treffen, „wie die Schweiz, San Marino .... und Luxemburg." Oh, knapp daneben. Vielleicht möchte er uns auch einfach nur mitteilen, dass man hier gut tanken und Konten eröffnen kann, das übliche Programm kleiner Staaten eben.

Wir übernachten bei Matheus, einem jungen Programmierer aus Brasilien, der seit einem Jahr hier lebt und arbeitet. Er erzählt uns, dass die Andorraner eine Minderheit im eigenen Land sind, Spaniern, Portugiesen und Franzosen bilden zusammen einen Großteil der Bevölkerung, und dass es hier die höchste Lebenserwartung weltweit gibt. Um ein Konto zu eröffnen, muss man entweder einen Job dort haben, die Staatsangehörigkeit oder - fünf Millionen Euro. An Geld scheint es im Lande nicht zu mangeln, nachdem uns schon die Fahrzeuge in Spanien riesig vorkamen, sind die hiesigen definitiv noch eine Spur größer, neuer und blitzender.

Die Hauptstraße in Andorras Hauptstadt Andorra la Vella ist eine einzige Shopping Mall. Durch die wesentlich geringeren oder nicht existenten Steuern kosten etwa Zigaretten unter zwei Euro, und auch Alkohol und Benzin sind extrem billig. Bei anderen Produkten ist der Unterschied unserer Meinung nach eher gering, doch wir kennen die europäische Preisstruktur nicht genug. Die andern Menschen jedenfalls kaufen, kaufen, kaufen was das Zeug hält und überladen die riesigen Einkaufswagen.

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Auf dem Weg zum Pass durch den Schnee, Luftsprung

Und wir stehen mal wieder da und versuchen, dem Konsumzwang zu widerstehen. Auf dem Weg nach Frankreich wartet ein 2400 Meter hoher Pass auf uns - da kann der Schnaps noch so billig sein. Nur einen Single Malt Whisky erlaubt sich Tobi (wird wenig stilvoll in eine Plastikflasche umgefüllt), und nachdem ich eine Hose komplett durchgesessen habe, muss auch dafür Ersatz gefunden werden - versuchen wir es mal mit Qualität. Ansonsten fühlen wir uns in Matheus‘ Junggesellenbude fast wie zu Hause und kochen alles, wozu man mehr als eine Benzinkocherflamme braucht.

Nach einem Ruhetag ist aber auch schon wieder Zeit für den Aufbruch und wir nehmen unseren letzten 2000er Pass in Angriff. Schon in den vergangenen Tagen war das Wetter unangenehm kühl und feucht, und aus Matheus‘ Küchenfenster können wir schneebedeckte Berghänge sehen. Nicht lange dauert es beim Anstieg, bis wir Schnee auch am Straßenrand vorfinden und er schließlich in zarten Flocken auf uns fällt. Das ist für uns der erste Neuschnee seit April 2009 im Iran - den Winter komplett auszulassen ist uns also nicht gelungen.

Der Anstieg ist so, wie ich in mag: gleichmäßig und nicht zu steil. Der Verkehr hält sich in Grenzen, und beim bergauffahren wird uns ohnehin warm: alles in bester Ordnung. Oben freuen wir uns und trinken einen Schluck Whisky auf unseren Erfolg und dann wird es vor allem: kalt. Der grimmige Tankwart erlaubt uns leider nicht, uns in seiner Toilette umzuziehen, und so müssen wir draußen im eisigen Wind das durchgeschwitzte T-Shirt gegen ein trockenes wechseln und alle Lagen anziehen, die wir besitzen. Er hat sich redlich den Titel „Arsch des Tages" verdient, Entschuldigung für das Schimpfwort, aber dafür fehlt mir tatsächlich jedes Verständnis, und wir haben ihm sogar noch etwas abgekauft.

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Eisig, Schneeradler, Fronkreich, Fronkreich

Die Abfahrt wird eisig. Meine Finger scheinen einzufrieren, abwechselnd stecke ich eine Hand in die Jackentasche, was meine Bremsfähigkeit und damit Geschwindigkeit leicht reduziert. In Pas de la Casa, dem letzten Ort Andorras vor der französischen Grenze, setzen wir uns erst einmal in den McDonald‘s, wo unsere Glieder schmerzhaft wieder auftauen. Draußen weht ein eisiger Wind, es geht noch viel weiter bergab und wir wählen die Weichei-Variante und nehmen uns ein Hotelzimmer. Nach Ewigkeiten der Abstinenz von deutschem Fernsehen kann man hier Arte auf Deutsch umstellen und wir sehen einen Film.

Den nächsten Tag beginnen wir ausgeruht mit einer 33 Kilometer langen Abfahrt - da kann ja fast nichts mehr schief gehen. Es ist Sonntag und wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit den französischen Ladenöffnungszeiten.

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Pass mit Radfahrerbeschilderung, zwei Pässe von vielen

Sonntags haben nur wenige ganz große Läden vormittags geöffnet - Tankstellenläden gibt es kaum. Von Montags bis Samstags haben sehr große Länden vielleicht von acht bis acht auf, aber nie länger, die kleineren öffnen um neun, schließen um 12.15, öffnen wieder um 14 oder 15 Uhr und machen um sechs oder sieben wieder zu.

Das ist schön für die, die in den Läden arbeiten. Wir kommen irgendwie gar nicht klar und suchen regelmäßig verzweifelt nach Essbarem. Wir stehen momentan eher spät auf und starten so um zehn. Wenn wir Mittagspause machen möchten, hat manchmal schon alles zu. Abends kaufen wir gerne erst ein, kurz bevor wir zelten, aber dann sind die Läden auch schon wieder geschlossen. Also nehmen die Ladenöffnungszeiten eine wichtige Rolle in der Tagesplanung ein. Die Preise sind um einiges höher als in Spanien und Andorra, in Imbissen wie in Geschäften. Sichtbar mögen Franzosen qualitativ hochwertige und regionale Lebensmittel, und das ist schön. Nur entspricht es leider nicht unserem Budget. Durch unser Reisen in günstigen Ländern hat sich bei mir eine gewisse Abwehr gegen hohe Lebensmittelpreise festgesetzt, die sich hoffentlich noch auswachsen wird, oder ich muss mein Leben lang nur noch Gammelfleisch essen.

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Grüne Hölle oder grüner Himmel, Carcassonne-Ansichten

Über einige Pyrenäen-Pässe erreichen wir Carcassonne. Die burgähnliche „Cité" der südfranzösischen Stadt ist Weltkulturerbe, wunderschön restauriert und toll anzusehen - dadurch, dass kein normales Leben mehr dort statt findet, erinnert sie (leider) eher an ein Freilichtmuseum. Neben dem kulturellen Programm schauen wir uns die Frankreichroute an, die ich mit Hilfe der Übersichtskarte erarbeitet habe - immer schön auf dem kürzesten Weg, ohne Rücksicht auf Höhenlinien quer durchs Zentralmassiv. Da überträgt EINMAL der Geograph Arbeiten - und dann so etwas! Das wird ein Spaß!

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